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Die Not[en]-Lüge

Lecture Room One
© by Andrew Mason

Bereits in der Schule lernt man als Kind, dass die eigenen Leistung als Note ausgedrückt werden können – angeblich soll dadurch Transparenz und Vergleichbarkeit geschaffen werden. Jahrelang war ich auch der Meinung, dass Noten diese Funktion zumindest teilweise erfüllen.

Doch seitdem ich zum Studieren nach Münster gekommen bin, denke ich immer mehr, dass Noten nur eine nichts-sagende Zahl ist. Während in der Schule noch versucht wird eine Vergleichbarkeit herzustellen, zum Beispiel durch das landesweite Zentralabitur, so herrscht an den Universitäten nur noch Chaos. Noten sind hier kein allgemein gültiger Maßstab mehr – vielleicht waren sie es auch nie. Immer wieder habe ich die Erfahrung gemacht, dass Noten an der Universität fast wie eine Fashion-Wahl ist und eigentlich komplett dem Zufall unterliegen.

Ich kenne eine Vielzahl von Professoren, die sich damit rühmen keine guten Noten zu vergeben – frei nach dem Motto ‚Wir sind etwas besseres‘. Gerne wird auch so zensiert, dass die Notenverteilung immer der Normalverteilung folgt – doch wie realistisch ist das wirklich? Und sind Noten an Universitäten dadurch überhaupt noch vergleichbar? Außerdem, wieso müssen Lehrstühle ihre Studenten mit unschaffbaren Klausuren unnötig unter Stress setzen nur um sicher zu gehen, dass die Klausur auch schlecht genug ausfällt? Hochstufen könne man ja immer, aber herabstufen nicht.

Es gibt eine Vielzahl von Methoden wie Noten verteilt werden können – beispielsweise absolut oder relativ. Und da fängt das Problem schon an. Vielleicht mag ich relativ im Vergleich eher eine der Schlechten gewesen sein, doch absolut bin ich immer noch besser als viele an anderen Universitäten. Aber ohne transparente Vergleichbarkeit weiß das niemand wirklich. Man wird lediglich damit getröstet, dass Unternehmen wissen, dass es an meiner Universität keine guten Noten gibt. Aber stimmt das wirklich?

In dem Urwald der Hochschul-Landschaft findet sich doch kein Personaler mehr zurecht. Außerdem werden immer mehr Online-Bewerbungs-Tools eingesetzt, die Bewerbungen unter einem bestimmten Notenschnitt sofort vor-aussortieren. Dem Tool hat anscheinend niemand gesagt, dass meine Uni nicht so liberal mit guten Noten um sich wirft. Und da war es dann mit dem Traumjob auch schon vorbei – einfach weil meine Bildungseinrichtung sich lieber als Elite rühmt anstatt an die Zukunft ihrer Absolventen zu denken.

Neben den stetig wachsenden Zukunftsängsten bescheren die Lehrstühle ihren Studenten zusätzlich meist auch noch ein schrumpfendes Selbstwert-Gefühl. Nebenbei sinkt die Motivation und der Spaß am Lernen – denn wieso kämpfen, wenn man von Anfang an schon verloren hat? Diese Stolperstufe kann für einige zur ernsthaften Gefahr werden. Studenten verrennen sich eventuell in einem Teufelskreis – wenn die Noten im Keller sind, sinkt die Motivation zum Lernen, was wiederum zu noch mehr schlechten Noten führt. Und schon ist man gefangen in der ’schlechten Noten-Falle‘ aus der man nicht so schnell wieder heraus kommt.

Doch anscheinend sind sich die Hochschulen in Deutschland dieser Verantwortung und ihrer Macht über die Zukunft einer Generation nicht bewusst. Sie wollen lieber mit aller Macht und Gewalt an alten und überholten Strukturen festhalten – doch um welchen Preis?

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